Angelus Silesius (Johannes Scheffler), 1624-1677 Aus dem "CHERUBINISCHEN WANDERSMANN"
Die Ros' ist ohn warumb sie blühet weil sie blühet Sie achtt nicht ihrer selbst fragt nicht ob man sie sihet. Johann Wolfgang von Goethe, 1749-1832 Aus: CHINESISCH-DEUTSCHE JAHRES- UND TAGESZEITEN (IX und X)
Nun weiß man erst, was Rosenknospe sei, Jetzt, da die Rosenzeit vorbei; Ein Spätling noch am Stocke glänzt Und ganz allein die Blumenwelt ergänzt.
Als Allerschönste bist du anerkannt, Bist Königin des Blumenreichs genannt; Unwidersprechlich allgemeines Zeugnis, Streitsucht verbannend, wundersam Ereignis! Du bist es also, bist kein bloßer Schein, in dir trifft Schaun und Glauben überein; Doch Forschung strebt und ringt, ermüdend nie, nach dem Gesetz, dem Grund W a r u m und W i e. Heinrich Heine, 1797-1856 ALTE ROSE
Eine Rosenknospe war Sie, für die mein Herze glühte; Doch sie wuchs, und wunderbar Schoß sie auf in voller Blüte.
Ward die schönste Ros’ im Land, Und ich wollt die Rose brechen, Doch sie wußte mich pikant Mit den Dornen fortzustechen.
Jetzt, wo sie verwelkt, zerfetzt Und verklatscht von Wind und Regen - “Liebster Heinrich“ bin ich jetzt, Liebend kommt sie mir entgegen.
Heinrich hinten, Heinrich vorn, Klingt es jetzt mit süßen Tönen; Sticht mich jetzt etwa ein Dorn, Ist es an dem Kinn der Schönen.
Allzu hart die Borsten sind, Die des Kinnes Wärzchen zieren - Geh ins Kloster, liebes Kind, Oder lasse dich rasieren. Friedrich Hebbel, 1813-1863 Ich sah des Sommers letzte Rose stehn: sie war, als ob sie bluten könne, rot. Da sprach ich schaudernd in Vorübergehn: so weit im Leben ist zu nah am Tod!
Es regte sich kein Hauch am heißen Tag, nur leise strich ein weißer Schmetterling; Doch, ob auch kaum die Luft sein Flügelschlag bewegte, sie empfand es und verging. Rainer Maria Rilke, 1875-1926 Rose, du Spätling, noch aufgehalten von bittren Nächten, von zuviel sternischer Klarheit, ahnst du, Rose, das süße, das leichte Erfülltsein deiner Sommer-Geschwistern ? In deiner Knospe seh ich dich zögern, Tag für Tag, du allzu fest verschlossenen Rose. Du ahmst das Langsame des Todes nach und wirst doch erst geboren.
Läßt dich dein zahlloser Zustand erfahren, in einer alles verwirrenden Mischung, wie der unsagbare Klang aus Sein und Nichts ist, den wir kaum gewahren ? | | Johann Wolfgang von Goethe, 1749-1832 HEIDENRÖSLEIN Sah ein Knab’ ein Röslein stehn. Röslein auf der Heiden, War so jung und morgenschön, Lief er schnell, es nah zu sehn, Sah’s mit vielen Freuden. Röslein, Röslein, Röslein rot, Röslein auf der Heiden.
Knabe sprach: „Ich breche dich, Röslein auf der Heiden!“ Röslein sprach: „Ich steche dich, Dass du ewig denkst an mich, Und ich will’s nicht leiden.“ Röslein, Röslein, Röslein rot, Röslein auf der Heiden.
Und der wilde Knabe brach ’s Röslein auf der Heiden; Röslein wehrte sich und stach, Half ihm auch kein Weh und Ach, Musst’ es eben leiden. Röslein, Röslein, Röslein rot, Röslein auf der Heiden. Friedrich Hölderlin, 1770-1843 AN EINE ROSE
Ewig trägt im Mutterschoße, Süße Königin der Flur! Dich und mich die stille, große, Allbelebende Natur;
Röschen! unser Schmuck veraltet, Stürm entblättern dich und mich; Doch der ew'ge Keim entfaltet Bald zu neuer Blüte sich. August Heinrich Hoffmann von Fallersleben, 1798-1874 Ein Röslein zog ich mir im Garten, ich hatte meine Freud daran Ja, sprach es immer, ich bin dein, Ja, ja, ich blühe nur für dich für dich allein.
Ein Röslein zog ich mir im Garten Ich gab ihm hin mein ganzes Herz Wie konnt’ ich doch so glücklich sein.
Ein Röslein zog ich mir im Garten Ein andrer hat es abgepflückt Was mich erfreuet hat so sehr, Ja, ich find es nun und nimmermehr Theodor Storm, 1817-1888 Noch einmal fällt in meinen Schoß die rote Rose Leidenschaft; noch einmal hab' ich schwärmerisch in Mädchenaugen mich vergafft.
Noch einmal legt ein junges Herz an meines seinen starken Schlag; noch einmal weht an meine Stirn ein juniheißer Sommertag. Bertolt Brecht, 1898-1956 Ach, wie sollen wir die kleine Rose buchen? Plötzlich dunkelrot und jung und nah? Ach, wir kamen nicht, sie zu besuchen. Aber als wir kamen, war sie da.
Eh sie da war, ward sie nicht erwartet. Als sie da war, ward sie kaum geglaubt. Ach, zum Ziele kam, was nie gestartet. Aber war es so nicht überhaupt? |